Trauerbegleitung bei Kindern
von Gabriele Eggert
Nur wenige Themen werden in unserer Gesellschaft so tabuisiert wie der Tod. Man spricht nicht über ihn, und schon gar nicht mit und vor den Kindern. Dabei gehen gerade Kinder mit dem Thema Tod recht natürlich um, denn sie sind meistens aus sich heraus davon überzeugt, dass es auch nach dem Tod etwas geben muss, und zwar etwas Schönes. Es kommt sogar vor, dass Kinder durch ihre klare und einfache Sichtweise trauernden Erwachsenen Trost spenden können.
Wie begegnen Erwachsene der kindlichen Trauer?
Bei den großen Verlusten des Lebens besteht häufig die Tendenz, Kinder auszuschließen. So bleibt z. B. das Begräbnis der Oma, der Abschied von einem Elternteil oder das langsame Sterben eines Geschwisterkindes oft hinter einer Mauer des Schweigens verborgen. Erwachsene wollen den Kindern die Trauer ersparen, sie vor den Belastungen bewahren und sie vor den schweren Emotionen beschützen und verschonen. Und sie fühlen sich selbst hilflos. Ohnmächtig, erstarrt, wie gelähmt stehen Erwachsene den traurigen, fragenden, ernst blickenden Kinderaugen gegenüber.
Aber mit dem Verschweigen, Zudecken, Fernhalten enthält man den Kindern ihren eigenen Zugang zu den Ereignissen vor und nimmt ihnen die Möglichkeit gesund Abschied zu nehmen. Denn ein ehrlicher Umgang mit dem Themenkreis Sterben, Tod und Trauer ist für eine gesunde Entwicklung der Kinder sehr wichtig. Die dunklen Seiten des Lebens sollten für Kinder erfahrbar sein. Kinder erleben dann statt Ausgrenzung Solidarität, denn geteiltes Leid ist halbes Leid, statt Verschweigen behutsames Begleiten, statt ohnmächtigem Zusehen, gemeinsames Tun. Erwachsene und Kinder können die Erfahrung machen, dass gemeinsames Weinen heilsam ist, dass eine Umarmung die Trauer zwar nicht wegbläst, aber leichter aushalten lässt.<(p>
Die alltäglichen kleinen Verluste werden häufig übersehen oder herunter gespielt. Denn es ist nicht leicht Kinder traurig zu sehen! Doch das Traurigsein ist aus keinem Leben, auch nicht aus dem Leben von Kindern wegzudenken. Traurigsein ist die natürliche Reaktion auf Trennung, Verlust und Abschied. Es ist eine Erfahrung, die das Kinderleben ebenso begleitet, wie das Leben von Erwachsenen. Kinder reagieren ihrer Persönlichkeit entsprechend individuell unterschiedlich auf alltägliche Ereignisse. Jedes Kind hat seine persönlichen Muster und typische Verhaltensweisen und Möglichkeiten sich auszudrücken. Was passiert, wenn das Schnuffeltuch verloren gegangen ist, die selbst gezüchtete Blume den Kopf hängen lässt, die Nachbarskatze stirbt oder die Freundin in eine andere Stadt zieht? Sehr oft versuchen die Erwachsenen, den normalen Alltag wieder einkehren zu lassen. Entschlossen werden die Kinder vertröstet, die Tränen weggewischt und auf schnellstem Weg ein neues Spielzeug gekauft. Ihr Zorn, ihre Wut und ihr Schmerz wird durch die Reaktionsweisen der Erwachsenen unterdrückt und nicht aus- bzw. angesprochen. „Gleich ist alles wieder gut“, „du kannst wieder neue Freunde finden“. Manchmal sind Reaktionen der kindlichen Trauer nun mal wirklich nicht so leicht für Erwachsene zu verstehen, denn die Welt der Kinder unterscheidet sich ein wenig hinsichtlich der Trauerreaktionen und Trauersituationen von der Welt der Erwachsenen.
Neben der Persönlichkeit des Kindes spielt das Alter eine entscheidende Rolle. Besonders in den ersten Lebensjahren vollziehen sich viele Veränderungen. Je jünger Kinder sind, desto stärker sind sie einem Wandel ihrer Gedanken- und Gefühlswelt ausgesetzt. Diese vielfältigen Veränderungen durchziehen jeden Lebensbereich bis zum Tod. Was heute noch stimmt, wird morgen schon verworfen, was gestern noch Sicherheit gab, ist morgen schon nicht mehr gültig. Deshalb ist es von großer Wichtigkeit zu wissen, was Kinder in einem bestimmten Alter überhaupt verstehen können und welche inneren Bilder das Verhalten der Kinder beeinflusst.
Es hat keinen Sinn einem Vierjährigen anlässlich des Todes seines Opas Dinge erklären zu wollen, die sein Fassungsvermögen übersteigen. Es ist für dieses Kind nicht wichtig zu wissen, an welcher Krankheit der Opa starb, wichtig ist zu wissen, dass er sehr sehr krank war. Ein Vierjähriger, und nicht nur dieser, will aber vor allen Dingen:
- Einen Menschen, der ihn in den Arm nimmt, denn es tut weh, allein und von der Gemeinschaft der übrigen Familie ausgeschlossen zu sein.
- Einen Menschen, der ihm zuhört und der seine Kinderfragen ernst nimmt - denn es tut weh, mit Floskeln abgespeist zu werden oder gar beiseite geschoben zu werden.
- Einen Menschen, der die Kindertränen wegküsst ohne sich über die Kindertrauer hinwegzusetzen - denn es tut weh, nicht akzeptiert zu werden.
Wir können unseren Kindern helfen, indem wir sie sehr ernst nehmen:
- Kinder müssen ihren Schmerz zulassen dürfen und sich darauf verlassen können, dass ein Erwachsener sie in ihren Verhaltensweisen versteht.
- Kinder brauchen das Gefühl, den toten Opa sehen zu dürfen, wenn dies nicht der Fall ist, geht evtl. die Phantasie durch.
- Kinder dürfen nicht angelogen werden.
- Kinder haben eine eigene Vorstellung von Ewigkeit, Gott, Himmel und Leben nach dem Tod.
- Grabbeigaben von Kindern sind ein wichtiges Ritual, wie die Waschung oder Ankleidung von Toten, um zu begreifen, dass der Opa wirklich tot ist.
Wir sollten nicht versuchen, unsere Kinder durch Verschweigen von Trauer zu schützen, sondern vielmehr ihr Traurigsein über Verluste oder den Tod eines geliebten Menschen oder Wesens zulassen und mit ihnen darüber sprechen.
